Die Chance, einzigartig zu sein

Die Wissenschaft hat offenbar etwas Neues entdeckt, um noch mehr Menschen das Gefühl geben zu können, etwas ganz Besonderes zu sein.
Das Bedürfnis, etwas ganz Besonderes zu sein, greift ja immer mehr um sich, wohingegen ich mich gut erinnern kann, mir als Jugendliche nichts sehnlicher gewünscht zu haben, als „ganz normal“, also ganz genau so sein zu dürfen wie die anderen. (Nun, das war mir nicht vollumfänglich vergönnt, aber insgesamt war ich nicht sehr auffällig und auch gut integriert.)
Heute jedoch beleuchtet sich jede/r selbst, macht Illustriertentests, inwieweit er oder sie ggf. dem Autismus-Spektrum angehört, AD(H)S hat oder auch nicht, eine Hochbegabung aufweist, intro- oder extrovertiert ist, oder ob eine Führungspersönlichkeit oder doch nur eine Sachbearbeitermentalität in ihm oder ihr schlummert.
Und jetzt haben – wie gesagt – Wissenschaftler etwas Neues(?) gefunden, über das man sich seinen Kopf zerbrechen kann: Alexithymie.
Alexithym zu sein, bedeutet, die eigenen Gefühle entweder nicht wirklich wahrzunehmen, also gar nicht so viele und ausgeprägte zu haben. Oder aber: Gefühle sind da, sie auszudrücken, fällt aber schwer.
Also mal ehrlich: wenn jemand keine starken Gefühle hat, dann leidet diese Person doch wahrscheinlich eher wenig darunter. Daraus gleich ein Persönlichkeitsmerkmal zu machen, das mit einem Fachbegriff belegt wird, ist so modern, dass es mir sofort gehörig auf die Nerven geht. Früher hat man solche Menschen einfach wahrgenommen als welche, die halt nicht so viel Drama im Leben veranstalten.
Diejenigen, die Gefühle empfinden, sie aber nicht so gut ausdrücken können, hat man früher unter „Männer“ subsumiert. Nein, Spaß beiseite – natürlich gab es immer auch schon Frauen, die ihre Gefühle nicht so zeigen können. Ich kenne auch eine, bei der das so ist. Doch ich bin noch nie auf die Idee gekommen, sie als alexithym zu bezeichnen. Schon allein deswegen, weil ich das Wort heute zum ersten Mal gelesen habe. Ändert der Fachbegriff etwas an meiner Wahrnehmung? Nein.
Die einen sind halt so, andere sind anders. Damit ist doch alles gut, oder? 

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