Wie Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind
Gestern hatte ich ein Erlebnis, das mich total happy gemacht,
aber gleichzeitig auch irgendwie traurig gestimmt hat.
Folgendes trug sich nämlich zu:
Ich brauchte wegen akuter Beschwerden einen raschen Termin bei einem Arzt einer
Fachrichtung, die ich an meinem aktuellen Wohnort bisher noch nicht konsultiert
hatte. Und da man ja allgemein weiß, wie schwierig es ist, als Neupatient
irgendwo aufgenommen zu werden, noch dazu mit einem baldigen Termin, habe ich am
Wochenende eine Praxis angeschrieben, die auf ihrer Homepage vermerkt hat, dass
Neupatienten aufgenommen werden, jedoch eine längere Wartezeit (also Wartezeit
auf einen Termin) einkalkulieren müssten.
Ich schilderte mein Problem und erhielt gleich am Montagmorgen einen Anruf aus
dieser Praxis, dass es aktuell gerade schwierig sei, aber wenn ich denn tatsächlich bereit
wäre, nicht am Standort X, sondern am Standort Y vorbeizuschauen, dann dürfe
ich gleich am nächsten Tag erscheinen. Ich solle halt auf jeden Fall vor Ort
mit einer längeren Wartezeit rechnen.
Ich war sehr erfreut und erschien natürlich gestern dann auch pünktlich zu
meinem „Termin“.
Knapp zwei Stunden später wurde ich zur Ärztin hineingerufen. Das hat mich
erstaunt, denn ich habe in anderen Praxen mit(!) Termin durchaus schon länger
gewartet.
Die Ärztin begrüßte mich mit einer Klarstellung, die mich wirklich rührte!
Eigentlich nähme die Praxis für solche Akuttermine keine Neupatienten mehr auf,
aber ich hätte so eine nette und freundliche Mail geschrieben, hätte so lieb um
Hilfe gebeten und in meiner Nachricht gleich klargemacht, dass mir der
Standort, zu dem ich bestellt werde, völlig egal ist, dass sie alle gedacht haben,
mir würden sie jetzt doch sehr gerne helfen!
Ich saß da und war sprachlos! Ich halte mich für einen eher nüchternen,
sachlichen Menschen, der nur wenige Blümchen um das rankt, was er sagt. Ja, ich
hatte freundliche Worte geschrieben, aber schließlich hatte ich ja eine Bitte
an die Praxis, da konnte ich die doch auch höflich vorbringen.
Der ganze Termin verlief dann auch sehr nett (auch wenn der Grund für meinen
Besuch eher wenig nett war), und zum Abschied bedankte sich die Ärztin noch bei
mir dafür, dass ich so geduldig gewartet und mich nicht über die lange Zeit beschwert
habe, die ich da sitzen musste. Es sei ihr eine Freude gewesen, mich
kennenzulernen.
Das hat mich happy gemacht. Traurig stimmte mich allerdings die Überlegung, wie
oft Menschen, die in Arztpraxen arbeiten, offenbar schlechte Erfahrungen mit
nörgelnden Patienten machen müssen, dass sie sich so über jemanden freuen, der
einfach mit, wie ich finde, selbstverständlicher und natürlicher Höflichkeit und
Dankbarkeit einen Dienst entgegennimmt, den man ihm erweist.
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