Die menschliche Natur
Ich habe jetzt einige Lebensjahre auf dem Buckel - und die
damit verbundene Lebenserfahrung, die mich manches gelassener sehen lässt als
noch vor 20 Jahren. Ich werde allerdings wohl nie an den Punkt kommen, an dem ich sage „Nichts
Menschliches ist mir mehr fremd“. Erst vorgestern war es nämlich wieder so weit, dass ich
sprachlos wurde.
Das kam so:
Wir hatten eine Veranstaltung mit unserem Verein, bei der wir mitten im Wald Weißwürste
garten und mit Brezeln und süßem Senf den Teilnehmern servierten. Da das, wie
gesagt, mitten im Wald passierte, mussten wir natürlich einen Topf voll Wasser
parat haben, einen Gaskocher und entsprechendes Geschirr.
Kocher und Topf brachte einer unserer Vereinskollegen mit, und das Wasser, in dem die
Würste erhitzt werden sollten, hatte ich in einen eigens dafür ausgeliehenen
Wasserkanister einer Vereinskollegin abgefüllt. Wir brauchten von den
mitgebrachten 20 Litern allerdings nur etwa die Hälfte.
Nun, das Treffen fand statt, und als alles vorbei war und wir aufräumen
wollten, fragte die Eignerin des Kanisters: „[Name des Kollegen], nimmst du dann das Wasser wieder mit?“ Der schaute etwas doof aus der Wäsche, wusste offenbar nicht
recht, wie er die Frage einordnen sollte, und stammelte, er werde, äh, das Wasser
aus dem Topf (in das die Würste Eiweiß und Fett "ausgeschieden" hatten, Anm. d. Red.) da nebendran ins Gebüsch kippen. Ob er den Rest aus ihrem
Kanister ebenfalls dort ausleeren solle.
Da meinte die doch glatt, nein, sie werde kein Wasser in die Natur schütten,
und wuchtete die verbleibenden 10 Liter (also 10 Kilo!) Wasser nebst Kanister
in ihr Auto und verschwand damit nach Hause.
Jetzt frage ich Sie: wieso will jemand kein Wasser „in die Natur schütten“?
Lebt diese Natur nicht von ebendiesem Wasser? Muss ich tatsächlich davon ausgehen, dass die
Dame das Wasser einfach nur zu Hause für ihre nächste Kanne Tee oder als Gießwasser für ihre Blumen verwenden
wollte? Weil es nicht aus ihrem, sondern aus einem fremden Hahn gezapft war?
Ich fürchte fast, genau so ist es.
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