Projektarbeit

Vor einiger Zeit habe ich wieder angefangen zu stricken. Ein Kuscheltier für meine Großnichte, dann fertigte ich einen Pullover für mich, und weil ich auf einmal wieder so viel Spaß am Handarbeiten hatte, begann ich auch noch eine Häkelarbeit. Kurz: ich brauchte bald dringend eine Handarbeitstasche.
Wenn man sich in einschlägigen Facebook-Gruppen nach „Handarbeitstasche“ erkundigt, nach Erfahrungen fragt und Empfehlungen erbittet, staunt man allerdings nicht schlecht. Denn das, was früher ein „Strickzeug“ war, ist heute ein „Projekt“. Die Damen (und Herren), die sich da tummeln, haben nicht etwa mehrere Strickzeuge in Arbeit, sondern erzählen von ihren Projekten, die sie natürlich nicht in einer schnöden Handarbeitstasche, sondern in einer Projekttasche zur Nacht betten.
Und tatsächlich: auch die Händler, die solche Taschen vertreiben, verkaufen solche als „Projekttaschen“, und ganz ehrlich: mehr als ein Mal schlug ich mir bei der Suche nach was Passendem für mich an die Stirn.
Fast war ich versucht, meine Facebook-Gruppenkameradinnen zu fragen, ob sie denn vor Beginn ihrer Arbeiten auch eine Kosten-/Nutzenanalyse erstellt, einen Projektplan mit terminierten Meilensteinen entworfen und einen Point-of-no-return definiert hatten. Interessiert hätten mich auch die Projekt-Jour-fixe zur Abstimmung des Fortgangs der einzelnen Teilprojekte (wie Materialbeschaffung, Finanzplanung, Go-live-Vorbereitung usw.). Aber nach all dem habe ich natürlich dann doch nicht gefragt.
Denn strickbegeisterten Damen und Herren ist der Kostenfaktor oft egal, da wird gekauft, was schön ist, und nicht, was billig. Wann der Pullover fertig ist, wird man dann ja sehen, und der Point-of-no-return ist ohnehin bereits dann erreicht, wenn die Wolle in der Projekttasche auf Vernadelung wartet.
Der erste Meilenstein, das habe ich gelernt, ist ebenfalls bald geschafft. Nämlich wenn die ersten drei Reihen gestrickt und in Facebook präsentiert sind. Dann gibt es schon das große „Ah!“ und „Oh!“, und vermutlich köpfen da schon die ersten ‘ne Pulle Sekt. 

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